Posaunenchöre in Deutschland und im Dekanat Leutershausen

Posaunenchöre gehören zum Erscheinungsbild der evangelischen Kirche. Diese Art von Musikensembles gibt es flächendeckend in den deutschen evangelischen Landeskirchen, landeskirchlichen Gemeinschaften und evangelischen Freikirchen, aber im Wesentlichen auch nur dort. Posaunenchöre sind also so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirchenmusik (seit 2016 gehören die Posaunenchöre sogar zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO). Wie kommt das? 

Dazu ist zunächst ein Blick in die Geschichte notwendig. Blechblasinstrumente gab es schon im Altertum, z.B. als militärische Signalinstrumente wie die römische „Tuba“ (ein langes und gerades Blasinstrument). Andere Formen waren das gebogene Cornu, der (alphornartige) Lituus und die Bucina, eine Art Signaltrompete oder -horn. Ob diese Instrumente außer Signalen auch so etwas Militärmusik spielten, vielleicht gar mehrstimmig, ist nicht bekannt. Originalkompositionen haben sich nicht erhalten.  

Von Bucina zu Posaune

Aus „Bucina“, später Busine, entstand unsere Bezeichnung „Posaune“. In den meisten anderen Sprachen heißt sie „trombone“ (engl.) oder „trombona“ (ital.). Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit entwickelten sich daraus zwei getrennte Familien von Blechblasinstrumenten: Einerseits die Posaunenfamilie. Auf der Posaune ließen sich mittels des Zuges schon immer alle Töne der Tonleiter spielen. Es gab Posaunen in allen Lagen, von der tiefen Kontrabasslage, über Bass, Tenor und Alt bis zur Diskantposaune. Meist wurden aber Posaunen als tiefe und mittellagige Instrumente mit Zinken in der hohen Lage kombiniert. Der Zink war ein flöten- oder schalmeienähnliches Instrument aus Holz mit Grifflöchern, aber einem Mundstück aus Metall wie bei Posaunen und Trompeten. Diese Posaunen-Zinken-Ensembles wurden von den sog. „Stadtpfeifern“ gespielt, als Ensembles, die städtische und auch gottesdienstliche Ereignisse musikalisch begleiteten. Aus dieser Zeit ist uns Musik für das Turmblasen, Tänze für Hochzeiten und andere gesellige Ereignisse wie auch für kirchliche und höfische Feste überliefert. Auch mit Streichern konnten diese Ensembles kombiniert werden.  

Daneben standen die Trompeten (kombiniert mit Pauken und Trommeln) als militärische Signalinstrumente, später kamen hier noch die Hörner hinzu. Diese Instrumente waren der fürstlichen und militärischen Verwendung vorbehalten und wurden nicht in bürgerlichen oder gar bäuerlichen Kontexten verwendet. Noch heute nennt man ja deshalb die Trompete das „königliche Instrument“. Trompeten und Hörner waren zunächst reine Naturtoninstrumente, das heißt, man kann auf ihnen nur die sogenannten „Naturtöne“ spielen: Den Grundton, die erste Oktave, die Quinte darüber, die zweite Oktave, die Terz darüber und so weiter. Je höher, desto enger werden die Tonabstände. Daher ist es erst in einer verhältnismäßig hohen Lage möglich, auf diesen Instrumenten geläufige Melodiefolgen zu spielen. Trompeter waren in der Barockzeit daher professionelle Spezialisten. Hier setzte sich auch eine andere Notation durch: Während die Posaunen immer schon die „normalen“ Noten spielten, wie alle anderen Instrumente auch, wurden für Trompeten und Hörner nur die Obertöne notiert und dazu, in welcher Stimmung das Instrument spielen soll. Ein notiertes „C“ ist dabei immer der Grundton des Instrumentes, kann aber „klingend“ etwas ganz anderes meinen, z.B. ein B oder ein F oder ein D. Erst seit der Barockzeit (z.B. bei Johann Sebastian Bach) wurden dann Trompeten, Hörner und die übrige Streich- und Blasinstrumente kombiniert (Posaunen werden allerdings von Bach nur selten verwendet). Als es im 19. Jahrhundert auch für Trompeten, Hörner und später allerhand andere neue Instrumente (wie Althörner, Tenorhörner, Baritonhörner) durch die Erfindung der Ventile möglich wurde, alle Töne der Tonleiter und in allen Tonarten auch in tieferen Lagen zu spielen, wurde die „alte“ Trompetennotation für diese Instrumente beibehalten, und zwar mit dem Ton B, der sich als gängige Stimmung für Trompeten etabliert hatte, als Grundton, bei den Waldhörnern waren vorzugweise F und Es die Grundtöne. Dies hat zur Folge, dass bis heute alle Musiker, die Trompete, Tenorhorn, Waldhorn oder ähnliche Instrumente in der Musikschule oder in Blaskapellen, Musikzügen und ähnlichen Formationen lernen, die Noten anders lesen, als es „normalerweise“ üblich ist: Ein Trompeter liest ein C, spielt aber ein klingendes B. Das macht es unmöglich, dass Trompeter und Pianisten unmittelbar aus denselben Noten spielen können. Der Trompeter braucht immer spezielle „transponierte“ Noten (man spricht auch von „Militärgriffen“ oder „Militärschreibweise“). Dies gilt freilich auch für viele andere Blasinstrumente, z.B. Klarinetten. Hingegen spielten und spielen Posaunen und Tuben immer die Noten so, wie sie geschrieben sind: Hier ist ein C immer ein C und ein B ein B. Das wiederum hat zur Folge, dass auch die Noten für Posaunen und Tenorhörner, selbst wenn sie dieselben Stimme spielen, nicht einfach vom jeweils anderen Spieler gelesen und gespielt werden können, außer der Musiker kann sozusagen „zweisprachig“ Noten lesen. 

Anders ist es in den Posaunenchören: Diese Art von Ensembles entwickelte sich, nach Vorstufen im 18. Jahrhundert, z.B. in der Herrenhuter „Brüdergemeine“, erst im 19. Jahrhundert, zunächst vor allem im Bereich des Pietismus und der „Erweckungsbewegung“ und von christlichen Vereinen wie dem CVJM. Hier wurden viele Freiluftveranstaltungen abgehalten (Freiluft- und Zeltmissionsveranstaltungen, Freiluftgottesdienste), wo oft große Menschenmengen „beschallt“ und beim Singen begleitet werden mussten. Da im 19. Jahrhundert die Blechblasinstrumente dank der neuen Ventiltechnik erstmals alle Töne und Tonarten spielen konnten und auch die „Laien“-Musik einen großen Aufschwung genommen, waren Blechblasensembles die beste Lösung für diesen Bedarf, Posaunenchöre galten als „Allwetter-Orgeln“. Diese Ensembles spielten zunächst vor allem vier- oder mehrstimmige Liedsätze, die sie der Orgel- und Chorliteratur entlehnten oder die in Anlehnung daran neu komponiert wurden. Hier hatte man von Anfang an meist vierstimmige Sätze (d.h. alle Spieler haben die Noten für alle anderen Stimmen auch vor sich, während in Orchestern, Musikkapellen und anderen Ensembles jeder Musiker in der Regel nur für seine eigene Stimmen die Noten hat). Dies ermöglichte es begabten Bläsern überdies, je nach Bedarf eine andere Stimme zu spielen als die „normale“ für sein Instrument. Die Posaune spielt z.B. in der Regel Tenor oder Bass, geübte Posaunisten können aber leicht auch die zweite Stimme (den Alt) oder gar die Melodie in der Originalhöhe (die Sopranstimme) spielen. So können auch einmal nur vier Posaunen oder Hörner einen vierstimmigen Satz spielen, im Wechsel mit der gemischten Normalbesetzung aus hohen und tiefen Instrumenten (Trompeten, Posaunen, Hörnern und Tuben). 

Christliche Posaunenchöre zur Ehre Gottes

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung im 19. Jahrhundert vor allem in Ostwestfalen. In Jöllenbeck bei Bielefeld wurde 1843 der erste Posaunenchor im heutigen Sinn gegründet. Später waren dann die Bodelschwinghschen Diakonischen Anstalten in Bielefeld ein wichtiges Zentrum. Hier wirkten der Pastor Eduard Kuhlo (1822-1891) und sein Sohn Johannes Kuhlo (1856-1941), der als „Posaunengeneral“ bekannt wurde. Vater uns Sohn verbreiteten die Idee der Posaunenchorarbeit in ganz Deutschland und waren unermüdlich unterwegs. In Bayern wurde der erste Posaunenchor 1865 in Neuendettelsau gegründet. 

Anfangs legte man dabei großen Wert auf die Abgrenzung von der „weltlichen“ Musik, von Tanzkapellen, Blaskapellen und Militärkapellen (da kamen die unterschiedlichen Systeme der Notation ganz recht, die bei vielen Instrumeten den Wechsel von der einen „Welt“ in die andere erheblich erschwerten): Die Posaunenchöre mit ihrer Botschaft sollten ganz klar erkennbar sein. So heißt es in der Mustersatzung für Posaunenchöre aus der Frühzeit der Posaunenchorbewegung (1891, ergänzt 1908) bei Johannes Kuhlo: 

§ 8: Zu einer Verwendung der Instrumente für Zwecke, die nicht im Rahmen der Vereinsaufgaben liegen, ist die Genehmigung des Vorstandes erforderlich. Dieser Bestimmung unterstehen auch diejenigen Mitglieder des Chores, die im Besitz eigener Instrumente sind, sintemalen (= weil, da ja) die Instrumente nur zur Ehre Gottes gebraucht werden dürfen. 

§ 9: Die Instrumente sind Eigentum des Vereins, einerlei, ob der Bläser [Bläserinnen gab es noch nicht und wurden erst viel später zugelassen] sich das Instrument auf eigene Kosten allein angeschafft, oder der Verein dazu beigetragen hat. Ebenso steht es mit sämtlichen Notenbüchern. Tritt also jemand mit eigenem Instrument oder Buch bei, so verschreibt er dasselbe dadurch dem Chor als Eigentum. 

§ 13: Die Instrumente dürfen, dem Zweck des Vereins entsprechend, nur zur Ehre Gottes gebraucht werden. 

Auch an die Bläser selbst wurden hohe Anforderungen gestellt, weniger in musikalischer Hinsicht als im Blick auf ihren Lebenswandel: 

§ 20: Der Genuss von Branntwein ist nicht gestattet, außer auf ärztliche Anweisung und in Notfällen, also nur als Medizin, nie als Genussmittel. 

§ 21: Alles übermäßige Trinken ist strengstens untersagt; Übertretung hat Entziehung des Instruments … zur Folge. 

Seither haben die Zeiten sich geändert. Und zumal bei den bayerischen Chören hat das mit dem „Alkoholverbot“ nach meiner Einschätzung sowie nie so richtig geklappt.  

Posaunenchöre im Dekanat Leutershausen

Seit in unserem Dekanat vor über 100 Jahren (1925) in Weißenkirchberg der erste Posaunenchor gegründet wurde (noch älter war der „Bläserchor“ Geslau, der schon 1924 gegründet wurde, aber immer, wie mir ein alter Bläser sagte, eine „wilder“ Chor war, der auch „weltliche“ Musik spielte und sich 1970 in „Blaskapelle Geslau“ umbenannte), haben sich die Zeiten auch in den Posaunenchören gewandelt und „weltliche“ Musik ist schon lange kein Tabu mehr. Polkas, Märsche, Stücke im gospel- und jazzartigen Stil oder Arrangements von Filmmusik gehören heute ganz selbstverständlich zum Repertoire der Posaunenchöre. Aber unser „Markenzeichen“ ist natürlich noch immer die geistliche Musik, der Choral, ob in schlichter Form zur Begleitung des Gemeindegesangs oder die kunstvollen Sätze von Johann Sebastian Bach.  

Und noch immer gilt, dass alles Musizieren zur Ehre Gottes geschehen soll – soli Deo gloria. Mit der Abkürzung dafür, „SDG“, haben Bach und Händel viele ihrer Werke unterzeichnet. Und von Bach stammt auch der bekannte Satz: 

„Endlich soll auch die Endursache aller Musik seyn nichts anderes als nur Gottes Ehre und Recreation des Gemüths; wo dies nicht in Acht genommen ist, das ist keine recht eigentliche Musik.“ 

„Mit aller Musik soll Gott geehrt und [sollen] die Menschen erfreut werden. Wenn man Gott mit seiner Musik nicht ehrt, ist die Musik nur ein teuflischer Lärm und Krach.“ 

Posaunenchorarbeit heute

Das bedeutet für die Posaunenchöre konkret: Bei aller Offenheit für neue Musik und für alle musikalischen Richtungen, bei aller Freude an jedweder guter Musik – die Pflege des Choralspiels wird die Grundlage von allem sein und bleiben. Und daran wird sich auch weiterhin das Tonideal der Posaunenchöre formen. Wir werden nie die besseren „Jazzer“ sein. Denn Posaunenchöre waren und sind Laienensembles. Und es macht gerade ihren Charme aus, dass nicht alles „perfekt“ sein muss. Wer es „perfekt“ haben will, findet heute unzählige Aufnahmen professioneller Musiker auf CD oder im Internet. Aber was wirklich anrührt, hat nicht immer nur mit technischer Perfektion zu tun – sondern es ist die Frage, ob Musiker etwas zu sagen haben: Ob sie begeistert und selber angerührt sind von dem, was sie da spielen. Ob sie mit ihrer Musik etwas „rüberbringen“ oder ob sie nur Noten „abarbeiten“ – und sei es noch so perfekt. Und solche „engagierte“ und „begeisterte“ Musik ist heute für die Kirche wichtiger als je zuvor. Wie man über Bach sagt, dass er der „fünfte Evangelist“ war, so muss man es heute wohl generell über die Musik sagen: Sie ist von zentraler Bedeutung für die Kirche: Gerade über Musik, über alte und neue Lieder, über Oratorien oder Gospelsmusik, finden heute viele Menschen einen Zugang zum christlichen Glauben. Und so kann sich z,B. über ein tolles Vorspiel oder einen tollen Begleitsatz eine Beziehung zu einem Kirchenlied herstellen, das sonst als „fremd“ und „alt(ertümlich)“ unzugänglich bliebe. 

In unserem Dekanat gibt es im Bläserbezirk Leutershausen derzeit 9 Chöre (Oberdachstetten, Mitteldachstetten, Obersulzbach, Colmberg, Binzwangen, Leutershausen, Neunkirchen, Wiedersbach, Weißenkirchberg, mit insgesamt 154 Bläser/innen und 23 in Ausbildung, Bezirkschorleiter ist Martin Reiner aus Mitteldachstetten) sowie im Bläserbezirk Rothenburg Süd den Posaunenchor Gastenfelden (weil Gastenfelden früher zu dem alten Dekanat Insingen gehörte). Auf Dekanats- bzw. Bezirksebene finden jährlich mehrere gemeinsame Proben und Schulungen statt. Dabei wird für die „Abendserenade“ geprobt, die jeweils im Sommer an wechselnden Orten dargeboten wird, meist in Verbindung mit einem anstehenden Chorjubiläum. So feiern 2026 der Posaunenchor Leutershausen sein 100-jähriges und der Posaunenchor Mitteldachstetten sein 70-jähriges Gründungsjubiläum. Am 17. Juni findet aus diesem Anlass die Abendserenade in Mitteldachstetten und am 3. Juli in Leutershausen statt. Jeweils am Reformationstag (31. Oktober) gibt es in Leutershausen außerdem eine musikalische Abendandacht, die vom Bezirkschor mitgestaltet wird. 

Unterstützt wird die Arbeit der Posaunenchöre vor Ort durch den Verband evangelischer Posaunenchöre in Bayern (VEP). Vier Landesposaunenwarte und -wartinnen besuchen regelmäßig die Posaunenchöre in Bayern zu Schulungen und zur Erarbeitung neuer Literatur. Gerade ist das neue „Bläserheft 2026“ erschienen, das sicher wieder etliche neue Stücke dem Repertoire der Posaunenchöre hinzufügen wird.  

Pfarrer Dr. Klaus Neumann 

(Geslau-Frommetsfelden), Bezirksobmann Bezirk Leutershausen