ebw: Jüdisches Leben, jüdische Geschichte

Drei hochkarätige Vorträge zu einem düsteren Thema

Bewegt und tief betroffen folgte eine große Zahl von Zuhörern den drei Vorträgen über jüdisches Leben und jüdische Geschichte, zu denen von Januar bis März 2019 das Evangelische Bildungswerk ins Lutherhaus Leutershausen eingeladen hatte.

  • Zunächst lenkten Dr. Andrea Kluxen und Dr. Gabriele Kluxen aus Colmberg den Blick auf Geschichte und Schicksal der »Juden in Franken«.
  • Dem schlossen sich in einem zweiten Vortrag Untersuchungen von Dr. Stefanie Fischer aus Berlin an, die sich unter dem Titel "Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt" mit dem nationalsozialistischen Ansinnen befasste, mittelfränkische Juden aus dem Viehhandel zu verdrängen.
  • In einem dritten Vortrag präsentierte Dr. Björn Mensing neue Forschungsergebnisse zum Umgang des bayerischen Protestantismus mit der NS-Vergangenheit.

Alle drei Vorträge gaben Anlaß, entschlossen und ehrlich neue Perspektiven und Möglichkeiten einer Erinnerungskultur zu entwickeln, die klar zu dem steht, was geschehen ist und sich dafür einsetzt, derlei Skandale und Katastrophen in Gegenwart und Zukunft zu verhindern.

Juden in Franken

Juden in Franken – Erinnerungskultur vor Ort

Eine Veranstaltung des Evangelischen Bildungswerks Leutershausen
9. Januar 2019, 19 Uhr Lutherhaus Leutershausen
Referentinnen: Dr. Gabriele Kluxen, 2. Bürgermeisterin Gemeinde Colmberg, und Dr. Andrea Kluxen, Kulturreferentin und Heimatpflegerin des Bezirks Mittelfranken.

Dr. Andea Kluxen und Dr. Gabriele Kluxen zu Gast im Evangelischen Bildungswerk

Unsere Sicht auf die »Geschichte der Juden wird fast ausschließlich mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem massenhaften Mord an jüdischen Bürgern verbunden.« Mit dieser Feststellung eröffnete Frau Dr. Andrea Kluxen, Kulturreferentin und Bezirksheimatpflegerin für den Bezirk Mittelfranken, im Januar 2019 einen Vortrag im Lutherhaus über »Juden in Franken«. Jenen Jahren der Vernichtung ging jedoch eine reiche, fast 1000-jährige »fränkisch-jüdische Geschichte« voraus. Zahlreiche »schriftliche und bildliche Quellen« berichten »über kulturelle Traditionen mit großen Gelehrten, eigenen religiösen Riten, fränkisch-jüdischen Dialekten, eigenen Bräuchen«, über »viele Synagogenbauten und über 100 jüdische Friedhöfe«.

Flüchtlinge

Nach Franken kamen Juden gerade auch als Flüchtlinge, schon früh entrechtet, gesellschaftlich isoliert, vertrieben aus dem Rheinland und dem Elsass und in ganz Europa immer wiederkehrenden Verfolgungswellen ausgesetzt. »Im 17. und 18. Jahrhundert kam es zu einer starken Zuwanderung von Juden in Franken, die die Region zu einer der am dichtesten besiedelten jüdischen« Gegenden Deutschlands werden ließ. Nicht unerwähnt ließ Andrea Kluxen jüdische Einrichtungen auch in Leutershausen, seit dem 15. Jahrhundert an wechselnden Orten die Synagoge, auch »Judenschul« genannt, mit Lehrer, Vorbeter und Schächter, sowie ein »rituelles Bad«.

Volle bürgerliche Gleichstellung

Im 19. Jahrhundert wanderte eine große Zahl auch von bayerischen Juden aus wirtschaftlicher Not nach Nordamerika aus. Andere zogen vom Land in die Städte und begannen, sich beruflich in der modernen Industrie und den Wissenschaften zu betätigen. »So trugen Juden wesentlich zur Industrialisierung Bayerns bei, die von Nürnberg ausging.« Seit »1871 erhielten dann auch die bayerischen Juden die volle staatsbürgerliche Gleichstellung«. In Leutershausen gab es »während der Weimarer Republik« nun endlich auch jüdische Mitglieder im Stadtrat, im Turnverein, in der freiwillligen Feuerwehr oder im »Krieger- und Militärverein«.

Neue antisemitische Bewegungen

Dennoch entwickelte sich nach dem 1. Weltkrieg eine neue antisemitische, rassistisch geprägte Bewegung, und »viele Antisemiten fanden früh in Franken ein Betätigungsfeld«. »Schon Anfang der 1930er-Jahre waren Ausschreitungen von Nationalsozialisten auch in Leutershausen an der Tagesordnung.«

Dokumentationszentrum

Andrea Kluxen plädierte in ihrem Vortrag für die Pflege einer umfassenden »Erinnerungskultur«, z.B. durch »museale Präsentation«, »Denk- und Mahnmale« sowie »Gedenkfeiern«. Zugleich unterstrich sie im Blick auf Gegenwart und Zukunft: »Judentum bedeutet nicht nur museale Darstellung, Mahnmale und Gedenktage. Es gibt ja ein durchaus lebendiges Judentum.«

Neben Frau Dr. Andrea Kluxen präsentierte auch deren Schwester Dr. Gabriele Kluxen, 2. Bürgermeisterin der Gemeinde Colmberg, eine große Zahl von kompetent kommentierten Bildern zur Geschichte der europäischen Juden, zu Festen und Feiern, Friedhöfen und Synagogen, erlittener Verfolgung und Diffamierung, Bevölkerungsstatistik, prominenten Vertretern des Judentums aus Kultur, Politik, Handel, Industrie und Wissenschaft. Es ist ihr erklärter Wille, in Colmberg ein jüdisches Museum bzw. Dokumentationszentrum zu etablieren. Wichtige Schritte dafür sind bereits gemacht, ein Konzept wurde und wird entwickelt, und mehrere Förderzusagen gibt es auch bereits. Auf diese Weise soll, am besten gemeinsam mit den umliegenden Nachbargemeinden, ein wichtiger Beitrag zu einer »Erinnerungskultur vor Ort« geleistet werden.

Dr. Rainer Schulz, Pfr.

Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt

Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919-1939

Ein Vortrag von Frau Dr. Stefanie Fischer

Eine Veranstaltung des Evangelischen Bildungswerks im Dekanatsbezirk Leutershausen
13. Februar 2019, 19 Uhr, Lutherhaus Leutershausen

Literaturhinweis zum Thema:

Stefanie Fischer: Ökonomisches Vertrauen und antisemitische Gewalt. Jüdische Viehhändler in Mittelfranken 1919-1939
Wallstein-Verlag. Reihe: Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden (für die Stiftung Institut für die Geschichte der deutschen Juden hg. von Andreas Brämer und Miriam Rürup); Bd. 42.

Verlagsbeschreibung:

»Die Nationalsozialisten stießen beim Versuch, Juden aus dem Viehhandel zu verdrängen an die Grenzen ihrer rassistischen Wirtschaftspolitik. Trotz antisemitischer Propaganda hielten viele Bauern an ihren vertrauten Handelspartnern, den jüdischen Viehhändlern, fest. Tatsächlich zählt der Viehhandel zu den ältesten Tätigkeitsfeldern von Juden in Mitteleuropa. Als Viehein- und -verkäufer, aber auch als Kreditgeber und Güterhändler, agierten sie an einer sensiblen Stelle in der Agrargesellschaft.
Stefanie Fischer untersucht erstmals die Bedeutung der jüdischen Viehhändler für den ländlichen Raum. Sie beleuchtet, wie sich das Vertrauensverhältnis zwischen Viehhändlern und Bauern aufbaute und wie lange die wirtschaftlichen Beziehungen unter dem Druck antisemitischer Gewalt und Propaganda Bestand hatten. Als Untersuchungsregion dient die bayerische Region Mittelfranken. Dort lebte noch bis 1933 eine der größten jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich. Gleichzeitig nahm im Gau von Julius Streicher die antisemitische Gewalt ein besonders scharfes Ausmaß an.
Ausgezeichnet mit dem Ernst Fraenkel Prize in Contemporary History der Wiener Library 2012 und mit dem Irma-Rosenberg-Preis 2014.«

Vom früheren SS-Offizier bis zum KZ-Überlebenden

Ungleiche Karrieren in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern nach 1945

Neue Forschungsergebnisse mit Beispielen aus der Region Westmittelfranken

Referent: Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Pfarrer und Historiker, Landeskirchlicher Beauftragter für evang. Gedenkstättenarbeit

13. März 2019, 19 Uhr Lutherhaus Leutershausen
Eine Veranstaltung des evangelischen Bildungswerkes im Dekanatsbezirk Leutershausen

Beschreibung des Vortrags (Zitat: Evang. Bildungswerk Regensburg):

»Beim Umgang des bayerischen Protestantismus mit der NS-Vergangenheit bestimmen bis heute zwei Deutungsmuster die kontroverse Diskussion. Auf der einen Seite steht das Bild von der bayerischen Landeskirche als Hort des Widerstands. Die Kirchenleitung unter Landesbischof Hans Meiser ließ sich dies im Herbst 1945 durch ein Urteil des Kassationshofes bestätigen. Die Kirche war demnach als Sieger aus dem weltanschaulichen Ringen hervorgegangen und hoffte auf eine Rechristianisierung des deutschen Volkes nach dessen „großem Abfall“ von Gott. Diese Deutung blieb von Anfang an nicht unwidersprochen. Besonders Vertreter des radikalen Flügels der Bekennenden Kirche wie Karl Steinbauer, die schon in der NS-Zeit den Kurs der Kirchenleitung als zu angepasst kritisiert hatten, und NS-Verfolgte wie Pfarrer Wolfgang Niederstraßer, der das KZ Dachau überlebt hatte, forderten ein offenes Bekenntnis zum schuldhaften Versagen der Kirche und einen theologischen Neuanfang. Die Kirchenleitung marginalisierte diese unbequemen Protestanten und tat wenig zur Erinnerung an NS-Opfer wie den Kirchenjuristen Friedrich von Praun. Stattdessen trat sie für die rasche Rehabilitierung von früheren Nationalsozialisten ein. Den im Nürnberger Juristen-Prozess zu zehn Jahren Haft verurteilten Wilhelm von Ammon machte die Kirchenleitung 1957 zum Direktor der Landeskirchenstelle.«