Entpflichtung...

...und Ruhestand

Am letzten Sonntag im Januar wurde Pfarrer Dr. Rainer Schulz im Gottesdienst an St. Peter, Leutershausen, von seinen Aufgaben entpflichtet und ging damit in den Ruhestand. Dekan Horn dankte ihm für seinen Dienst in der Gemeinde, für seinen treuen Einsatz und für seine Predigt des Evangeliums. Mit dem Eintritt in den Ruhestand beginnt für ihn eine neue Lebensphase. Er ist frei von allen dienstlichen Pflichten, bleibt aber berufen zu predigen, zu taufen und die Feier des Heiligen Abendmahls zu leiten. Von der Gemeinde in Jochsberg wird er sich im Gottesdienst in St. Mauritius am 8. März verabschieden, in Leutershausen St. Peter am 22. März. Herzliche Einladung!

Predigt zum beginnenden Ruhestand: Mt 28,11

Es ist, liebe Gemeinde, wohl einer der schönsten Sätze der Bibel, wenn Jesus einmal sagt: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.« (Matthäus 11,28) Ein guter Satz auch für einen, der in den Ruhestand geht. Genau das tue ich ab heute: der Pfarrer wird zum Rentner, wird freigesprochen von seinen Amtspflichten.  »Komm, lass alle Lasten fallen; ich will dich erquicken.«

Ein seltsames Wörtlein ist das: »ich will dich erquicken«: Ein recht altes, deutsches Wort. Es reicht weit zurück ins Althochdeutsche. So sprach man etwa zu der Zeit, als hier in Leutershausen zum ersten Mal eine christliche Kirche errichtet wurde, im 8. oder 9. Jahrhundert nach Christus. Gemeint ist hier so etwas wie quick-lebendig. Das kennen wir auch noch im modernen Deutsch. Um quick-lebendig zu sein und zu bleiben, schlafen wir mal richtig aus, wachen dann wie neugeboren auf nach einem erquicklichen, also erholsamen Schlaf. Oder wir nehmen nach anstrengender Arbeit ein erquickliches, also wohltuendes Bad. Dann sind wir wieder frisch und munter.

»Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.« (Matthäus 11,28) So hat Martin Luther die griechische Textvorlage 1545 ins Deutsche übersetzt. Aber was steht denn eigentlich dort im griechischen Urtext? Welches Wort hat Luther mit »erquicken« übersetzt? Dort steht das Wort »anapauso«. Genauer hingeschaut, entdecken wir darin etwas, das besonders Schülerinnen und Schülern gefallen dürfte: nämlich das Wort »Pause«. Genau besehen sagt Jesus nämlich soviel wie: »Ich will dafür sorgen, dass ihr eine Pause machen könnt.« Zeit zum Ausruhen. Zeit, um sich zu erholen. Zeit, um den Kopf frei zu kriegen. Zeit zum Ratschen und Tratschen in der Schulhofecke. Zeit, um etwas zu trinken und zu essen. Zeit, um vor sich hinzuträumen. Zeit, um einfach nichts zu tun. Zeit, um sich innerlich neu zu sammeln.

Das, liebe Gemeinde, ist ein gutes Modell auch für den Ruhestand. »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch eine Ruhepause geben.« Endlich Ruhe. So beschrieb uns Kindern die Mutter einst ihre Vorstellung vom Himmelreich und vom ewigen Leben: Endlich Ruhe. Aller Lärm der Welt: vorüber. Eine schöne Vorstellung. Sie rückt uns allerdings verdächtig nahe an das, was auch auf manchen Grabsteinen steht. »Ruhe in Frieden«. Auch damit hat der Ruhestand zu tun: Dass das Ende des Lebens näher rückt. Das Alter hat begonnen. Vorüber sind die Jahre von Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit.

Das kann so manchen Ruheständler in Unruhe versetzen: Wieviel Zeit bleibt mir noch? Wie lange macht mein Körper noch mit? Drohen vielleicht schon bald Gebrechen und Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Elend? Manche wischen diese Gedanken dann rasch beiseite und stürzen sich lieber in ein erneut unruhiges Leben. Rentner haben keine Zeit, heißt es dann. Zuviel zu tun. Hobbys, ehrenamtliche Aufgaben, die Enkelkinder, endlich mal verreisen können wann man Lust dazu hat, und so tausend Dinge mehr. Der Tag ist wieder voll. Der Ruhestand wird zum Unruhestand.

Aber darin, liebe Gemeinde, unterscheiden sich die Alten kaum von den Jungen. »Zur Ruhe zu kommen«, das fällt vielen schwer. Lieber Action, Spiel und Sport und Spannung, hoffentlich mit gut Geld in der Tasche, damit man immer noch mehr unternehmen kann, kaufen kann, sich zuschaufeln kann mit Hab und Gut. Stört da so ein Satz nicht sogar, wie ihn Jesus sagt: »Ich will euch eine Pause schenken?« Ruhe schenken? Zeit zum Aufatmen schenken? Passt das überhaupt in unser modernes Hochgeschwindigkeitsdasein? Ob nun Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder alt werdender Ruheständler: Es könnte gut sein, dass sie alle zusammen zwar stöhnen und seufzen unter der Last ihrer tausend Beschäftigungen, Aufgaben, Erledigungen und Herausforderungen, aber völlig fertig wären, nähme man ihnen all das weg und würde sagen: Jetzt mal gar nichts. Jetzt mal Pause. Jetzt mal Ruhe.

Es ist erstaunlich, liebe Gemeinde, mit wie vielen Arbeitsaufträgen ich in den letzten Wochen bedacht wurde: Wie?! Ruhestand?! Kommen Sie doch zu uns, halten Sie doch Gottesdienste, Seniorennachmittage, Kinderfeste… Würde ich all diese Vorschläge annehmen, könnte ich den Ruhestand gleich ganz streichen. Das Gefährliche ist: derlei Einladungen schmeicheln, gehen runter wie Öl, tun gut, weil sich damit ja auch Komplimente verbinden: Bleib da, du machst das doch gut, nicht aufhören, bitte! Aber, das ist gefährlich, und nicht nur im Alter, sondern immer. Wir sind dermaßen auf Erfolg und Anerkennung hin gebürstet, dass wir zu beinahe allem bereit sind, wenn man uns mit Lob und Beifall bedenkt. Aber sollten wir nicht doch auch ernst nehmen, was Jesus da sagt? Von Anerkennung und Lob sagt er nichts. Wohl nimmt er unsere kräftezehrenden Überforderungen wahr, umschrieben mit den Worten »mühselig und beladen« – aber er sagt nicht: Weiß schon, ist anstrengend, aber mach weiter, du machst das gut! Sondern er sagt: Komm zu mir, ich schenke dir Ruhe, eine Pause, Erholung. Darin verbirgt sich nicht nur ein Angebot, ein Geschenk das Jesus uns machen will, sondern auch eine Aufforderung: Mach mal Pause. Raffinierte Werbefachleute haben später daraus den Werbeslogan gemacht: Mach mal Pause, trink... – nun eben dieses oder jenes Erfrischungsgetränk, usw. Das war eine verführerische Darstellung dessen, was Pause machen bedeutet. Mach‘s Portemonnaie auf, hol Geld raus, kauf bei uns wohlfeile Zuckerdrogen, das Geschäft will blühen, trink das. Keine Rede von so etwas bei Jesus. Komm, sagt er einfach. Komm zu mir. Setz dich hin. Mach einfach mal gar nichts von dem, was du sonst so machst und was dir auf Dauer soviel Mühsal und Lasten aufbürdet. Ich nehme es dir ab.

Und ich stelle mir vor, wir alle sitzen an einem schönen himmelblauen Sommertag auf einer Parkbank beisammen, sozusagen auf einem Ruhesitz, und schauen in die blühende Natur, erfreuen uns an den Sonnenstrahlen, am Summen der Bienen und Zwitschern der Vögel, am leise säuselnden Wind, und denken: Wann hast du das letzte Mal so ins blühende Leben hineingeschaut? Und eine ferne Stimme spricht zu uns: Siehst du, das war es, was ich dir schenken wollte: Zeit, um aufzuleben und dich zu freuen: Zeit zum Atmen, Zeit zum Aufatmen. Eine gute Pause. Und plötzlich denken wir da auf unserer Parkbank, auf unserem Ruhesitz im Grünen: Ja, Jesus, so oft habe ich das schon gehört und gelesen, was du da sagst. Aber wie oft habe ich es auch überlesen und beiseite gewischt! Gut, dass du mich heute erneut daran erinnerst!

So etwas hat nun wirklich nicht allein mit Rentern, Pensionären und Ruheständlern zu tun: dass sie nun endlich Zeit hätten, Gott zu danken. Das »passt« immer. Und immer wieder ist sie wichtig, diese Pause, für Kinder ebenso wie für Heranwachsende, Jugendliche, Erwachsene und Altgewordene. Das ist wichtig für jeden. Und besonders wichtig: dass wir keine falsche Pause machen. Von so einer falschen trügerischen Pause haben wir vorhin schon gehört: Mach mal Pause und währenddessen trink unser Produkt, schluck unsere Pillen, kauf diese Salbe und jenes Öl, damit du aktiv bleibst wie eine Maschine, funktionierst wie es von dir erwartet wird und möglichst das auch noch übertriffst. Für wie dumm werden wir da verkauft! Was für ein Handel mit unserer Lebenszeit und unserem Lebensglück ist das!

Jesus hingegen verspricht keine Pillen, Salben, Öle oder Erfrischungsgetränke. Und schon gar nicht sollst du vor Gott funktionieren wie eine Maschine im Dauerbetrieb. Nichts von alledem. Hinsetzen und Pause machen. Du darfst danach gerne auch wieder was unternehmen, was Gutes tun, einer Arbeit nachgehen, deine Gaben und Begabungen einbringen, wandern oder tanzen, reisen oder lesen, was auch immer – aber eins bleibt immer gültig: Dass du die Einladung annimmst, die Jesus da ausspricht: Komm her zu mir. Lass mal los, was dich so bindet und festhält und belastet, oder in du dich dermaßen verkrallt hast, dass du es schier nicht mehr los wirst. lass es los, setzt dich her, werde ruhig. Atme. Mach Pause. Ich helfe dir, dass das gelingen kann.

Nichts anderes versuchen wir genau jetzt, hier und in dieser Stunde zu tun: Wir haben etwas für unsere moderne Gesellschaft scheinbar völlig Uncooles und scheinbar völlig Überflüssiges getan: Wir sind heute morgen zu Kirche gegangen, und da sind wir nun, singen Lieder, hören Musik – Live-Musik! –, hören biblische Worte, oder diese Predigt, beten mit- und füreinander, empfangen den Segen Gottes für die Zeit, die vor uns liegt. Wir haben unseren rasanten Alltag unterbrochen. Wir machen Pause. Das ist wie so ein kleiner Ruhestand mitten im Leben. Loslassen. Atmen. Kräfte sammeln. Froh werden.

Es ist, liebe Gemeinde, wohl wirklich einer der schönsten Sätze der Bibel, wenn Jesus einmal sagt: »Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.« Ein guter Satz für einen, der in den Ruhestand geht, und ein guter Satz für uns alle.